„Experience is already an interpretation.“
Joan Wallach Scott, amerikanische Historikerin, 1941
Osteopathiefortbildungen
Fortbildungen für eine reflektierte klinische Praxis
Diese Fortbildungen richten sich an Osteopath*innen und Therapeut*innen, die ihre klinische Entscheidungsfindung vertiefen und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse reflektiert in ihre Praxis integrieren möchten.
Im Fokus stehen Regulation, Gewebeadaptation und neuroendokrine Zusammenhänge in unterschiedlichen Lebensphasen.
Vermittelt werden keine Techniken oder standardisierten Behandlungsrezepte, sondern Denkmodelle und Einordnungen, die helfen, Komplexität im klinischen Alltag differenziert zu beurteilen.
Schwerpunkte der Fortbildungen

Klinische Entscheidungsfindung und Befundinterpretation

Gewebeverhalten, Belastbarkeit und Anpassung

Neuroendokrine Regulation und Kontextabhängigkeit

Einordnung wissenschaftlicher Erkenntnisse für die osteopathische Praxis

Fallarbeit und praxisnahe Reflexion
Didaktischer Ansatz
Die Fortbildungen verbinden theoretische Einordnung mit klinischer Erfahrung.
Im Mittelpunkt stehen Modellreflexion, physiologische Zusammenhänge und die bewusste Trennung von Beobachtung und Erklärung.
Ziel:
Ziel ist es, Sicherheit im Umgang mit komplexen Befunden zu stärken, ohne diese vorschnell zu vereinfachen.
Formate:
Die Fortbildungen werden als Präsenzworkshops, Inhouse-Formate sowie perspektivisch auch digital angeboten.
Theoretischer Hintergrund
Osteopathie neu denken
Modellkritik, Physiologie und geschlechtersensibles klinisches Denken
Die Osteopathie versteht sich als ganzheitliche Disziplin. Gleichzeitig beruhen viele ihrer grundlegenden Modelle auf Annahmen, die aus einer Zeit stammen, in der zentrale physiologische Zusammenhänge noch nicht bekannt waren. Hormonelle Regulation, neuroendokrine Dynamik und geschlechterspezifische Variabilität konnten in der frühen Modellbildung nicht berücksichtigt werden. Dennoch prägen diese Konzepte bis heute Ausbildung, Diagnostik und klinisches Denken.
Dieses Spannungsfeld bildet den Ausgangspunkt meiner Arbeit.
Warum eine Modellkritik notwendig ist
Osteopathische Modelle werden häufig als neutral und universell gültig verstanden. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sie auf eingeschränkten Referenzsystemen beruhen. Variabilität wird oft als Abweichung interpretiert, nicht als physiologisches Grundprinzip. Palpatorische Wahrnehmungen werden mitunter vorschnell kausal gedeutet. Dort, wo physiologische Erklärungen fehlen, treten metaphysische oder additive Argumentationsmuster an ihre Stelle.
Diese Denkweisen sind historisch erklärbar, aber heute nicht mehr ausreichend. Sie beeinflussen, wie Befunde interpretiert werden, welche Erklärungen als plausibel gelten und welche Perspektiven systematisch fehlen.
Eine feministisch-medizinethische Perspektive auf osteopathisches Denken
Definition
Ich verstehe eine feministisch-medizinethische Perspektive auf die Osteopathie als einen analytischen Bezugsrahmen.
Dieser reflektiert die osteopathische Praxis, angewandte Modelle und Denkrahmen sowie Kommunikationsweisen im Kontext von Machtverhältnissen, Wissenslücken und normativen Körpervorstellungen.
Machtverhältnisse entstehen in der osteopathischen Behandlung aus professioneller Autorität, körperlicher Nähe und dem Umstand, dass Behandelnde Symptome benennen, einordnen und erklären.
Im Fokus steht die Frage, wie biologisches Geschlecht, unterschiedliche Lebensphasen und gesellschaftlich geprägte Erwartungen an Körper, Belastbarkeit und Funktion beeinflussen, wessen Beschwerden als plausibel gelten, wie Symptome gedeutet werden und welche klinischen Entscheidungen daraus folgen.
Ziel ist eine verantwortungsvolle, transparente und epistemisch faire Praxis im Umgang mit begrenzter Evidenz, interpretativen Befunden und professioneller Deutungshoheit in der osteopathischen Versorgung.
Zentrale Leitfragen

Wer verfügt in der osteopathischen Praxis über die Autorität, Symptome zu benennen und zu erklären, und auf welcher Wissensgrundlage geschieht dies?

Wie wird in der osteopathischen Versorgung mit Wissenslücken, begrenzter Evidenz und interpretativen Befunden umgegangen, und wie transparent wird dieser Umgang kommuniziert?

Welche Annahmen darüber, was als normal, belastbar oder erklärungsbedürftig gilt, prägen osteopathische Einschätzungen, und wessen Beschwerden werden dadurch ernst genommen oder relativiert?
Gender Bias als strukturelles Thema
Ein zentraler blinder Fleck liegt in der unzureichenden Berücksichtigung geschlechtersensibler Physiologie. Weibliche Regulation wird häufig außerhalb des theoretischen Kerns verhandelt, etwa im Kontext von Schwangerschaft oder spezifischen Lebensphasen. Damit bleibt der männliche Körper die implizite Norm.
Gender Bias zeigt sich dabei selten offen, sondern in impliziten Annahmen. Zyklische Veränderungen, hormonelle Übergänge und kontextabhängige Anpassungen werden als instabil oder erklärungsbedürftig gelesen, anstatt als Ausdruck physiologischer Regulation verstanden zu werden. Diese Perspektive wirkt sich unmittelbar auf Diagnostik und Behandlung aus.
Ein regulatives Rahmenmodell
Eine zeitgemäße Osteopathie benötigt kein weiteres Technikrepertoire, sondern ein verändertes Rahmenmodell. Ein Modell, das den Körper nicht als mechanisches System begreift, sondern als dynamisches, adaptives Netzwerk. Regulation, Anpassung und Kontextabhängigkeit stehen dabei im Zentrum.
Gewebeverhalten, Schmerzempfinden und Belastbarkeit entstehen aus dem Zusammenspiel hormoneller Regulation, neuroendokriner Aktivität, metabolischem Zustand, Stressachsen und psychosozialem Kontext. Veränderungen sind nicht per se Ausdruck einer Störung, sondern häufig Ausdruck von Anpassung.
Ein solches Modell trennt klar zwischen Beobachtung und Erklärung. Palpation liefert Informationen über den aktuellen Zustand eines Systems. Sie erklärt diesen Zustand nicht automatisch. Klinisches Denken wird dadurch präziser und gleichzeitig zurückhaltender.
Konsequenzen für Praxis und Ausbildung
Für die Praxis bedeutet dieses Verständnis keine Abkehr von Bewährtem. Es verändert jedoch den Bezugsrahmen, in dem Beobachtungen eingeordnet und Interventionen verstanden werden. Behandlung wird weniger als Korrektur eines angenommenen Defizits gedacht, sondern als Impuls innerhalb eines regulatorischen Systems.
Für die Ausbildung bedeutet dies eine stärkere Betonung von Modellreflexion, physiologischer Einordnung und interdisziplinärer Anschlussfähigkeit. Osteopathie gewinnt dadurch nicht an Beliebigkeit, sondern an Klarheit und professioneller Tiefe.
Worum es hier geht
Diese Seite fasst die zentralen Gedanken meines White Papers zur Modellkritik in der Osteopathie zusammen. Der Text richtet sich an Osteopathinnen und Osteopathen, Lehrende und Institutionen, die Osteopathie nicht als abgeschlossenes System verstehen, sondern als ein Feld, das sich weiterentwickeln muss.
Die Weiterentwicklung der Osteopathie beginnt nicht mit neuen Techniken, sondern mit der Bereitschaft, die eigenen Modelle zu hinterfragen. Nur so kann Osteopathie zeitgemäß, verantwortungsvoll und wissenschaftlich verbindbar bleiben.
