Muskulatur zwischen Therapie und Training. Langfristige Belastbarkeit benötigt mehr als Behandlung
von Dr. Christine Lohr
Warum Behandlung Bewegung vorbereiten kann, Krafttraining aber Belastbarkeit schafft.
Beschwerden führen viele Menschen zunächst in die Therapie. Rückenschmerzen, Nackenprobleme oder wiederkehrende Bewegungseinschränkungen werden behandelt, gelindert und häufig auch spürbar verbessert. Diese Erfahrungen prägen das Verständnis davon, wie Gesundheit wiederhergestellt wird. Was dabei oft offen bleibt, ist die Frage, wie belastbar der Körper jenseits der Behandlungssituation ist und wodurch sich diese Belastbarkeit langfristig entwickelt.
Therapie wirkt über Regulation und Wahrnehmung
Therapie und Training werden in der Praxis häufig vermischt oder gegeneinandergestellt. Dabei verfolgen sie unterschiedliche Ziele und wirken auf unterschiedlichen Ebenen. Diese Unterscheidung ist zentral, wenn es um eine langfristige körperliche Stabilität, Beschwerdereduktion und Gesundheit geht.
Neuroplastizität erklärt neurophysiologische Veränderungen. Nicht strukturelle Belastbarkeit
Therapeutische Verfahren, wie die Osteopathie, entfalten ihre Wirkung vor allem über neurophysiologische Prozesse. Berührung, Kontext und Beziehung beeinflussen, wie Reize wahrgenommen und verarbeitet werden. Aufmerksamkeit und Erfahrung verändern Bewegungsmuster, Spannungszustände und die Verarbeitung von Schmerz. Diese Veränderungen beruhen auf der Plastizität des Nervensystems. Das Nervensystem reagiert schnell und flexibel. Beschwerden können sich dadurch verändern, Bewegungen wieder möglich werden und Sicherheit entstehen, auch ohne dass sich Gewebestrukturen selbst umbauen3.
Diese Effekte sind klinisch relevant und erklären, warum Therapie oft spürbare Erleichterung bringt. Sie erklären jedoch nicht, wie Gewebe belastbarer wird. Strukturelle Eigenschaften von Muskulatur, Sehnen, Knochen und auch faszialem Gewebe folgen anderen Gesetzmäßigkeiten. Sie verändern sich nicht durch Wahrnehmung allein, sondern durch mechanische Belastung.
Mechanische Reize verändern Gewebe
Über Mechanotransduktion werden physische Reize in zelluläre Prozesse übersetzt, die langfristige Veränderungen von Struktur und Funktion ermöglichen2. Dieser Mechanismus wirkt in verschiedenen Geweben, auch im therapeutischen Setting. Manuelle Techniken setzen mechanische Impulse, die lokale Spannungsverhältnisse verändern, Bewegung erleichtern und Zugang zu Belastung schaffen können. Die Reizdosis bleibt dabei jedoch begrenzt. Für eine nachhaltige Veränderung der Belastbarkeit sind wiederholte, aktive Reize über längere Zeiträume notwendig.
Muskulatur als Grundlage von Stabilität und Belastbarkeit
Muskulatur spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Sie stabilisiert Gelenke, verteilt Lasten und beeinflusst, wie Kräfte im Körper weitergeleitet werden. Eine ausreichend belastbare Muskelmasse kann dazu beitragen, Beschwerden zu reduzieren und ihre erneute Entstehung zu begrenzen. Nicht, weil sie Symptome behandelt, sondern weil sie die Bedingungen verändert, unter denen Belastung verarbeitet wird 1.
Hier setzt Training an. Training nutzt gezielte Belastung, um Gewebe an Anforderungen anzupassen, die im Alltag, im Beruf oder im Sport auftreten. Muskulatur lernt, Last zu halten, abzufangen und zu bewegen. Diese Fähigkeit entsteht nicht durch Schonung oder Passivität, sondern durch aktive Nutzung über Zeit.
Krafttraining als gezielte Form von Belastung
Nicht jede Form von Bewegung erzeugt dabei dieselben Effekte. Ausdauertraining und hochintensive Intervalle verbessern vor allem kardiovaskuläre und metabolische Funktionen. Sie erhöhen die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems und beeinflussen den Stoffwechsel. Krafttraining wirkt anders. Es setzt mechanische Reize, die gezielt auf die Fähigkeit von Muskulatur abzielen, Last zu kontrollieren und strukturelle Stabilität aufzubauen. Genau diese Form der Belastbarkeit fehlt häufig, wenn Beschwerden trotz regelmäßiger Aktivität bestehen bleiben.
Training wirkt dabei nicht isoliert auf Muskelfasern. Mechanische Reize betreffen immer das gesamte myofasziale System. Fasziales Gewebe ist stoffwechselaktiv, mechanosensitiv und über Fibroblasten und Myofibroblasten an der Anpassung von Spannung und Gewebeorganisation beteiligt. Es reagiert auf Belastung, Bewegung und Nutzung. Krafttraining adressiert diese Zusammenhänge funktionell, weil es wiederholte mechanische Anforderungen unter Last erzeugt. Dauerhafte Veränderungen entstehen nicht durch einzelne Impulse, sondern durch wiederholte Nutzung im Kontext von Bewegung4.
Die häufige Gegenüberstellung von Muskulatur und Faszien greift daher zu kurz. Anpassung entsteht im Verbund. Entscheidend ist nicht das einzelne Gewebe, sondern die Art der Reize, denen es ausgesetzt ist.
Therapie und Training stehen damit nicht in Konkurrenz. Therapie kann Regulation verbessern, entlasten und Bewegung wieder zugänglich machen. Sie schafft Voraussetzungen. Training nutzt diese Voraussetzungen, um strukturelle Eigenschaften von Gewebe zu verändern und Belastbarkeit aufzubauen. Langfristige Beschwerdestabilität entsteht häufig dort, wo beide Ebenen sinnvoll miteinander verbunden werden.
Muskulatur steht dabei nicht isoliert neben Ernährung, Schlaf oder Regeneration. Belastung kann nur verarbeitet werden, wenn ausreichend Energie verfügbar ist, Proteinsynthese ermöglicht wird und Erholungsphasen stattfinden. Gerade in der Lebensmitte verändern sich diese Rahmenbedingungen häufig, während der Bedarf an gezielten Reizen steigt.
Quellen:
- Behringer M, Heinrich C, Franz A. Anabolic signals and muscle hypertrophy – Significance for strength training in sports medicine. Sports Orthopaedics and Traumatology. 2025;41(1):9–18. doi:10.1016/j.orthtr.2025.01.002.
- Ingber DE. Cellular mechanotransduction: putting all the pieces together again. FASEB J. 2006;20(7):811–827. eng. doi:10.1096/fj.05-5424rev.
- Moseley GL, Flor H. Targeting cortical representations in the treatment of chronic pain: a review. Neurorehabil Neural Repair. 2012;26(6):646–652. eng. doi:10.1177/1545968311433209.
- Zügel M, Maganaris CN, Wilke J, Jurkat-Rott K, Klingler W, Wearing SC, Findley T, Barbe MF, Steinacker JM, Vleeming A, et al. Fascial tissue research in sports medicine: from molecules to tissue adaptation, injury and diagnostics: consensus statement. Br J Sports Med. 2018;52(23):1497. eng. doi:10.1136/bjsports-2018-099308.
